Abstieg in die Unendlichkeit
Meine Reise von der Casa Forestal über die Kammwege des Anaga-Gebirges hinunter zum Fischerdorf Igueste

Mein Startpunkt
Casa Forestal

Die Distanz
ca. 10,2 km

Höhenverlust
820 m (Abstieg)

Anspruch
Mittelschwer


Der Ruf der Stille: Start an der Casa Forestal
Manche Wanderungen beginnen mit Trubel und Menschenmassen, doch diese hier startet mit einer fast andächtigen Stille. Als ich an der Casa Forestal aus dem Guagua steige, fühlt es sich an, als würde ich eine unsichtbare Schwelle in eine andere Zeit übertreten. Das historische Forsthaus, ein robuster Steinbau, der wie ein Wächter am Rande des Gebirgsrückens thront, ist mein Ankerpunkt. Hier oben, auf etwa 800 Metern Höhe, ist die Luft oft noch geschwängert vom Bergnebel, der sich wie ein feuchtes Laken über die Lorbeerwälder legt.
Bevor ich den ersten Schritt auf den Pfad setze, gehört mein erster Handgriff meiner Insulinpumpe. Ich kenne meinen Körper und ich kenne das Anaga-Gebirge. Die Kombination aus kühlem Bergwald am Start und dem später folgenden, gnadenlosen Abstieg in die Hitze des Südens ist eine Herausforderung für jede Basalrate. Ich aktiviere das Temp-Ziel auf 150 mg/dL. Warum? Weil ich weiß, dass meine Muskeln bei dem bevorstehenden Abstieg jeden Tropfen Glukose als Treibstoff nutzen werden, und ich möchte dem SmartGuard-System den nötigen Puffer geben.
Wandern auf der Messers Schneide: Der Kammweg
Der Pfad führt zunächst entlang des Hauptkamms.
Es ist einer dieser Wege, die man niemals vergisst.
Man wandert buchstäblich auf einer Wetterscheide.
Zu meiner Rechten sehe ich die tiefgrünen, schattigen Täler, in denen der Lorbeerwald regiert – hier ist alles satt, feucht und moosig. Zu meiner Linken jedoch öffnet sich die Flanke Richtung Süden. Hier beginnt das Gelände bereits aufzureißen, die Vegetation wird lichter und der Blick schweift ungehindert über die zerklüfteten Felswände bis hinunter zum glitzernden Atlantik.
Ich genieße das gleichmäßige Knirschen des Schotters unter meinen Sohlen. In diesen Momenten bin ich ganz bei mir. Keine E-Mails, kein Lärm, nur das ferne Rauschen des Windes und das gelegentliche, beruhigende Surren meiner Pumpe. Der Pfad ist hier oben noch gnädig, kaum Steigungen, fast ein entspanntes Dahingleiten über den Wolken.

Die Transformation der Landschaft
Mit jedem Kilometer, den ich auf dem Kamm zurücklege, verändert sich die Welt um mich herum.
Die Farne und Lorbeerbäume weichen stacheligen Agaven, riesigen Wolfsmilchgewächsen und den charakteristischen Drachenbäumen, die wie bizarre Skulpturen in der Landschaft stehen. Es ist faszinierend zu beobachten, wie die Natur sich an die zunehmende Trockenheit anpasst. Auch mein Körper reagiert. Die Sonne gewinnt an Kraft, und ich spüre, wie die Hitze meine Durchblutung anregt. Ein kurzer Blick auf das Display meiner Pumpe zeigt mir einen guten BZ-Wert, aber ich merke, wie die Insulinempfindlichkeit steigt. Die Wärme wirkt wie ein Katalysator für das Insulin – ein Phänomen, das ich in den Bergen immer wieder erlebe.
Der unerbittliche Abstieg nach Igueste
Hinter dem Lomo de las Bodegas beginnt der ernsthafte Teil. Jetzt beginnt der Abstieg nach Igueste de San Andrés, und er ist unerbittlich. Der Weg windet sich in unzähligen Serpentinen den steilen Hang hinunter. Es sind fast 800 Höhenmeter am Stück. Meine Knie leisten Schwerstarbeit, und ich merke, wie die Muskulatur bei jedem Schritt exzentrisch gegenhalten muss. Das ist der Moment, in dem der Muskelhunger einsetzt. Ich kontrolliere meine Werte nun engmaschiger. SmartGuard hält mich perfekt auf Kurs, doch ich habe meine schnellen Kohlenhydrate griffbereit im Schultergurt meines Rucksacks.

Igueste de San Andrés kommt immer näher. Von oben sieht es aus wie ein weißes Mosaik, das jemand vorsichtig in das grüne Tal gelegt hat. Die Häuser schmiegen sich so eng an die Felsen, dass man sich fragt, wie die Menschen hier früher ihre Einkäufe transportiert haben. Es gab keine Straßen, nur diese Pfade, auf denen ich heute wandere. Dieser Gedanke lässt mich ehrfürchtig werden. Jeder Stein auf diesem Weg wurde vermutlich von Generationen von Einheimischen begangen, die ihre Waren auf dem Rücken oder mit Eseln transportierten.
Ankunft in einer vergessenen Welt
Wenn man schließlich die obersten Häuser von Igueste erreicht, taucht man in eine Oase der Ruhe ein. Hier endet die Welt. Es gibt keine Durchgangsstraße, keinen Autolärm. Man hört nur das ferne Meeresrauschen und das Gezwitscher der Vögel in den Gärten. Ich wandere durch die schmalen, blumengesäumten Gassen hinunter zum Kirchplatz. Die Bougainvilleen leuchten in einem fast unwirklichen Violett gegen den strahlend blauen Himmel.
📍 Mein persönlicher Kraftort
„Ich habe mein ganz persönliches Ritual: Wenn ich unten am schwarzen Kieselstrand von Igueste ankomme, suche ich mir einen Platz auf der alten Kaimauer. Ich ziehe die Wanderschuhe aus, lasse die Füße baumeln und lausche dem magischen Grollen, wenn die Brandung die dicken Steine über den Boden rollt. In diesem Moment gibt es kein Gestern und kein Morgen. Es ist der ultimative Ort zum digitalen Detoxing. Da Igueste fast kein Mobilfunknetz hat, gehört dieser Augenblick ganz allein mir, dem Meer und dem beruhigenden Wissen, dass meine Pumpe mich sicher durch alle Höhen und Tiefen des Tages gebracht hat.“
Die Tour endet schließlich an der kleinen Bushaltestelle am Ortseingang. Während ich auf den Bus 945 warte, spüre ich das wohlige Zittern in den Beinen – das Zeichen für einen erfolgreichen Wandertag. Die Fahrt zurück nach Santa Cruz entlang der Küste ist dann wie ein Film im Zeitraffer, der die gewaltige Strecke, die ich zu Fuß zurückgelegt habe, noch einmal Revue passieren lässt.
Logistik & Rückreise
Die Lebensader: Linie 945
Diese Linie verbindet Santa Cruz (Intercambiador) direkt mit Igueste. Sie ist dein verlässlicher Partner für diese Streckenwanderung. Wichtig: Da das Internet in Igueste oft instabil ist, solltest du unbedingt deine physische Ten+ Karte dabei haben – das Scannen per App kann hier zum Geduldsspiel werden.

Diabetes-Analyse: Der Kamm-Abstieg
| Exzentrische Belastung
800 Meter bergab gehen bedeutet reines Krafttraining für die Oberschenkel. Die Muskeln saugen regelrecht Glukose aus dem Blut, um die Mikro-Verletzungen in den Fasern zu kompensieren. Stell das Temp-Ziel frühzeitig ein und rechne mit einem starken Nachbrenneffekt am Abend. |
Hitze-Absorption
Die Südseite des Kamms ist ein Backofen. Hitze weitet die Gefäße und beschleunigt die Insulinaufnahme massiv. SmartGuard erkennt den Trend, aber sei bereit, die Kohlenhydratzufuhr manuell zu erhöhen, falls die Pumpe die Abgabe bereits gestoppt hat. |
„Wandern mit Typ 1 bedeutet Vorbereitung. Mit einer Insulinpumpe wie meiner 780G und dem richtigen Plan wird jede Schlucht zum Abenteuer.“
Ein wichtiger Hinweis in eigener Sache: Alle hier beschriebenen Abläufe, Pumpen-Einstellungen und Erfahrungen mit meiner MiniMed 780G und dem Guardian 4 Sensor beziehen sich ausschließlich auf meine persönlichen Erlebnisse und meinen individuellen Stoffwechsel. Diabetes ist so einzigartig wie wir selbst – was bei mir funktioniert, muss nicht zwangsläufig auf andere zutreffen. Dieser Bericht dient der Inspiration und dem Erfahrungsaustausch, ersetzt jedoch niemals eine professionelle medizinische Beratung oder die Absprache mit deinem Diabetologen. Bitte passe deine Therapieänderungen immer eigenverantwortlich und in Rücksprache mit deinem medizinischen Team an.

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